Wichtige Erfindungen für das Automobil wurden der Ausgangspunkt
für die Entwicklung bekannter Unternehmen und einer leistungsfähigen
Industriebranche mit heute rund 50.000 Beschäftigten in Rheinland-Pfalz.
So erfand der Maschinenbauer Nicolaus August
Otto (1832-1891), geboren in Holzhausen an der Haide im Rhein-Lahn-Kreis,
bereits
1876 das Prinzip des Viertaktmotors mit verdichte-ter Ladung. Im
Brennraum des Otto-Motors wird dabei Gas entzündet, der entsprechende
Druck bewegt einen Kolben, der wiederum eine Kurbelwelle antreibt.
Seine Idee ließ Otto 1876 beim Kaiserlichen Reichspatentamt
als DRP 532 schützen. Dieser „Leise Otto“ fand
zunächst Verwendung in Industriemaschinen, in Handwerk und
Landwirtschaft. Dank der Umstellung auf flüssige Brennstoffe
konnte er 1884 auch in Verkehrsmitteln eingesetzt werden. Zwei
Jahre später vollzogen dann Ottos ehemalige Mitarbeiter Gottlieb
Daimler, Carl Benz und Wilhelm Maybach (geboren in Winningen an
der Mosel) den endgültigen Schritt zur serienmäßigen
Automobilfertigung.
Der gelernte Schmied und Ingenieur August Horch
(*1868 Winningen/Mosel, †1951
in Münchberg) ist ein weiterer Pionier der deutschen Automobilindustrie.
Er ist geistiger Vater der Marke Audi, die neben Mercedes-Benz
und Porsche für die lange Tradition des deutschen Automobilbaus
steht. Seit seiner Anstellung bei Benz & Co. in Mannheim 1896-1898
widmete sich Horch der Verbesserung des Automobils (z.B. entwickelte
er einen stoßfreien Motor). 1899 gründete Horch mit
einem Kapital von 30.000 Mark gemeinsam mit einem Teilhaber in
Köln-Ehrenfeld die Firma "August Horch & Cie.".
Neben der Reparatur von Automobilen widmete er sich vor allem
der Konstruktion von Personenkraftwagen.
Die Bingerbrücker Firma Franz Kirsten spezialisierte
sich bereits kurz nach ihrer Gründung 1930 auf Kleinschalter
für
Autos und erfand den Druckknopfschalter. Scheibenwischerschalter,
Blinker, Warnblinkschalter und weitere Innovationen für das
Cockpit folgten einige Jahre später. Franz Kirsten konzipierte
seine Schalter dabei stets so, dass die optimale Sicherheit im
Straßenverkehr gewährleistet wurde. Die Betriebsstätte
der Fa. Kirsten wird heute von einem internationalen Automobilzulieferers
fortgeführt.
Ebenfalls in Rheinland-Pfalz von Heinz Rath
(geb. 1936), Chefingenieur bei Lucas Automo-tive (heute TRW)
in Koblenz, wurde mit der „Colette“ die
erste Hochleistungs-Scheibenbremse für Pkw entwickelt. Dank
ihrer hohen thermischen Belastbarkeit und Korrosionsbeständigkeit
hielt sie selbst extremer Beanspruchung stand. Deshalb setzten
sie viele Autohersteller als Hinterradbremse mit integrierter Handbremse
ein. Die „Colette“ kam 1975 zu ihrem ersten Einsatz
und wurde seitdem ständig weiterentwickelt und u.a. auf das
Anti-Blockier-System (ABS) abgestimmt.
In Kaiserslautern werden Rücksitze der A-Klasse
von Mercedes und die meisten Autositz-Lehneneinsteller hergestellt.
Der „Sitz
2000“ wurde von der Firma Keiper im Technischen Zentrum in
Kaiserslautern entwickelt und besteht aus einem hochfesten Aluminium-Rohrrahmen
mit Magnesium-Druckgussverbindung und ist in alle Modelle der A-Klasse
ein-gebaut. Der ebenfalls hier entwickelte standardisierte Lehneneinsteller „Taumel
2000“ bündelt alle notwendigen Funktionen in acht Bauteilen
und kann an die unterschiedlichsten Sitz-strukturen montiert werden.
Die Bedeutung der Automobilbranche
für Rheinland-Pfalz
Automobilhersteller und Automobilzulieferer
stellen gemessen an Umsatz und Beschäftigten die zweitgrößte Industriebranche
(hinter der chemischen Industrie) in Rheinland-Pfalz dar. Gemeinsam
erwirtschafteten sie in 2008 mit ihren 52.355 Beschäftigten
einen Umsatz von gut 18,5 Mrd. €, was einem Anteil von 22%
am gesamten Industrieumsatz in Rheinland-Pfalz und jedem 6. Industriearbeitsplatz
entspricht. Alleine bei den 126 Zulieferbetrieben wurden 35.149
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gezählt.
Aufgrund der Vielzahl an verschiedenen Unternehmen
in der Automobilbranche in Rheinland-Pfalz sollen hier nur einige
wenige beispielhaft
genannt werden. Zu den bekanntesten in Rheinland-Pfalz ansässigen
Autoherstellern gehören die Adam Opel GmbH (Werk Kaiserslautern)
und die Daimler AG in Wörth/Germersheim. Opel ist mit 3300
Mitarbeitern nach wie vor größter industrieller Arbeitgeber
der Westpfalz und produziert in Kaiserslautern Fahrzeugkomponenten
für Karosserie und Chassis aus Stahlblech oder Aluminium sowie
Motoren und Motorenkomponenten. Hinzu kommt eine Motorenaufbereitung.
Seit 2008 werden Kom-ponenten für den Opel Insignia produziert
Daimler produziert am Standort Wörth Mercedes-Benz Lkw der Baureihen ACTROS,
ATEGO, AXOR, UNIMOG und ECONIC. Es ist das größte Lkw-Montagewerk
der Welt mit derzeit um 11.000 Beschäftigten. Am Standort Germersheim
(dort aktuell nochmals ca. 2.900 Mitarbeiter) wird die weltweite Ersatzteilversorgung
gesteuert, sowohl für alle Mercedes-Benz Trucks und Pkw als auch für
alle weiteren Marken des Konzerns.
Im Bereich Nutzfahrzeuge/landwirtschaftliche
Bearbeitungsmaschinen erarbeitet das Unter-nehmen John Deere
in seinem neuen, erst im
Juni 2010 eingeweihten ’European
Technology Innovation Center’ in Kaiserslautern Zukunftsentwicklungen.
Gemeinsam mit den Produkt-entwicklungsabteilungen der Fabriken, u.a. ein Mähdrescherwerk
in Zweibrücken, werden diese zur Serienreife gebracht. Einer der Schwerpunkte
liegt dabei auf dem Gebiet der "Präzi-sionslandwirtschaft",
in dem das Unternehmen bereits eine führende Stellung in der Branche einnimmt.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Integration von "intelligenten
Technolo-gien" und der Elektronik in Landmaschinen.
Zu den wichtigsten und bekanntesten Automobilzulieferern
in Rheinland-Pfalz gehören die BorgWarner Turbolader Systems
GmbH in Kirchheimbolanden, die Faurecia GmbH mit Werken in Wörth,
Hagenbach und Scheuerfeld (insbesondere Fahrzeuginnenverkleidungen),
die Johann Hay GmbH & Co
KG in Bad Sobernheim (Motor-, Getriebe- und Achsenkompo-nenten),
die KEIPER GmbH & Co KG in Kaiserslautern und Rockenhausen
(hochwertige Metallkomponenten und -strukturen für Fahrzeugsitze),
die Heinrich Gillet GmbH (Tenneco Inc.) in Edenkoben (Abgassystemtechnik)
sowie die TRW KFZ Ausrüstung GmbH in Newwied (Airbag- und
Gurtsysteme, Bremsen, Lenkungen und Aufhängungen etc) oder
die Stoß-dämpferhersteller Stabilus in Koblenz bzw.
Bilstein/ThyssenKrupp in Mandern.
Um die Wettbewerbsfähigkeit und Innovativität
der Branche in Rheinland-Pfalz zu fördern, haben sich verschiedene
Netzwerke und Kooperationen entwickelt. Die Automobil-Zuliefererinitiative
Rheinland-Pfalz steht für die Bündelung und Stärkung
der regionalen Automobilzuliefererindustrie und zielt auf die Stärkung
und den Ausbau bestehender Bezie-hungen zwischen Herstellern, Zulieferern
und Forschungseinrichtungen sowie auf die Unter-stützung interdisziplinärer
und überbetrieblicher Zusammenarbeit zwischen den Netzwerk-partnern.
Seit dem Jahr 2002 wird jährlich der Tag der rheinland-pfälzischen
Automobilzulie-ferer durchgeführt, außerdem zielen verschiedene
Veranstaltungen darauf ab, einen Beitrag zu den Informations-,
Kooperations- und Qualifizierungswünschen der rheinland-pfälzischen
Automobil-Zulieferunternehmen zu leisten.
Der CVC (Commercial Vehcicle Cluster – Nutzfahrzeugcluster
Südwest)
soll den Produkti-onsstandort in Süden von Rheinland-Pfalz und im Westen
von Baden-Württemberg stärken, wo rund ein Viertel des Jahresumsatzes
der deutschen Nutzfahrzeugbranche erwirtschaftet wird. Diese Region verfügt
mit hunderten von Unternehmen (sowohl Hersteller als auch Zulieferer), Dienstleistern,
Fachhochschulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen über
eine moderne Unternehmens-, Forschungs- und Entwicklungslandschaft im Nutzfahrzeugsektor.
Ziel der Aktivitäten des CVC ist die Stabilisierung und Steigerung der
Performance und Wettbewerbsfähigkeit der regionalen kleinen und mittelständischen
Unternehmen und die Ansiedlung neuer Unternehmen sowie die Profilierung der
Region im Südwesten Deutschlands u. a. im Bereich der Rekrutierung und
Qualifizierung von Nachwuchskräften für den Nutzfahrzeugbereich.
Das Fraunhofer Innovationscluster Digitale
Nutzfahrzeugtechnologie DNT unterstützt
ebenfalls die bessere Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft und legt
seinen Fokus ergänzend zu den Aktivitäten des CVC auf
eine IKT-gestützte
Forschung und Entwicklung. Das Fraunhofer-Innovationscluster „Digitale
Nutzfahrzeugtechnologie“ zielt strategisch auf den Kompetenzauf-
und -ausbau im Bereich Virtual Engineering und Qualitätsmanagement
für
die Entwicklung von Nutzfahrzeugen. In Kaiserslautern findet dabei eine
optimale Zusammenarbeit der sich ergänzenden Kompetenzen im Bereich
Nutzfahrzeugforschung und -technologie statt: Im DNT werden die Kompetenzen
der beiden Fraunhofer
Institute (Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik, ITWM und
Institut für Experimentelles Software Engineering, IESE) und der TU
Kaiserslautern mit ihrem Zentrum für Nutzfahrzeugtechnologie (ZNT)
zur Lösung von
Problemstellungen aus dem gesamten Lebenszyklus eines Nutz-fahrzeuges gebündelt.
Zukünftige Entwicklungen
125 Jahre nach der Erfindung des Automobils
wird die Entwicklung künftiger Fahrzeuge von der weltweiten
Ressourcenknappheit und den steigenden Umweltauflagen bestimmt.
Alternative Antriebstechnologien
und Fahrzeugtechnologien werden das zentrale Thema der Branche
in den nächsten Jahren sein. Automobil-Zulieferer haben den
Wettbewerb um die Beteili-gung am Pkw der Zukunft aufgenommen,
indem sie ihre Kompetenzen in die Entwicklung von Innovationen
einbringen. Daneben bleibt die zentrale Herausforderung für
Fahrzeughersteller und Zulieferer auch in den nächsten Jahren
den Kraftstoffverbrauch und damit den CO2-Ausstoß durch Leichtbau
zu reduzieren. Dieses Thema bietet allen Unternehmen in der Branche
gute Chancen ihre Position im internationalen Wettbewerb auszubauen.
Eingebettete Systeme sowie eine zuverlässige
und wirtschaftliche Vernetzung der steigenden Zahl elektronischer
bzw. mikrosystemtechnischer
Komponenten in den Fahrzeugen spielen ebenfalls eine zunehmende
Rolle im Automobil. Hierbei werden Zulieferer immer mehr zum strategischen
Partner bei der Entwicklung von High-Tech-Produkten für die
Hersteller und übernehmen zunehmend Entwicklungs-, Test- und
Produktionsverantwortung auch für kom-plexe Module. Der Anteil
von Elektronikkomponenten im Automobil wird nach Prognosen von
heute rund 25-30% auf über 40% in den kommenden 10 Jahren
ansteigen und Innovationen in den Bereichen Technik, Umweltschutz
und Sicherheit (z.B. Fahrerassistenzsysteme) sind sehr gefragt.
Dies bietet große Chancen für innovative rheinland-pfälzische
Unternehmen, wenn es ihnen gelingt, Energieeffizienz mit Kundenbedürfnissen
bezüglich Design, Preis, Komfort, Sicherheit, Fahrdynamik
u.a. zu vereinen. Um erfolgreich zu sein, müssen Unternehmen
immer wieder strategische Allianzen in der Entwicklung suchen.
Hierbei leisten die dargestellten Netzwerke eine wichtige Moderatorenfunktion.
Quellen:
- Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau (Hrsg.):
Industriekompass 2009
- Homepages der jeweiligen Unternehmen und Institutionen
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